Der Reservierungswahn im Speckgürtel

Reservierungswahn

Wer im Speckgürtel südlich von München ein Lokal besucht, dem wird in zwischenzeitlich fast pathologischer Manier eine bestimmte Frage an den Kopf geworfen: „Haben Sie reserviert?“. Nein verdammt, warum sollte ich? Selbst vor einer versifften Hinterhof-Boazn, dem abgeranzten Dorfwirt neben dem allerletzten Kuhstall oder dem hundertsten Italiener im Umkreis von einem Kilometer, macht der Reservierungswahn mittlerweile keinen Halt mehr. Der Trend aus den Großstädten ist zwischenzeitlich auch auf das Land übergeschwappt. Was für die Gastronomen ein durchaus bequemes Instrument der Planung darstellt, tötet beim Gast jegliche Freude an der Spontanität ab. Der Auswuchs dessen ist inzwischen derart eklatant, dass es einem selbst in einer grindigen Hinterwäldler-Bar passieren kann, dass sämtliche Stehplätze am Tresen reserviert sind.

Leere Lokale, deren Tische von Zetteln mit Namen besetzt sind, verkommen zur Regel. Früher hieß es einmal: Wer zuerst kommt, der mahlt zuerst. Diese Zeiten scheinen längst vorbei zu sein. Heute heißt es: Wer vor sechs Wochen reserviert hat, bekommt vielleicht einen Platz. Da wird der Begriff der sogenannten Zettelwirtschaft in ein gänzlich neues Licht gerückt.

Je teurer die Karte, desto besser

Und das in Zeiten, in denen man beim Konsum eines ordinären Schweineschnitzels mit Pommes und einer halben Bier, kaum noch unter 20 Euro wegkommt. Horden von Yuppies, die unfähig oder zu faul zum Kochen sind, überrennen sämtliche Lokale mit ihrer zwanghaften Vorbestellerei. Die zunehmende Gentrifizierung durch den niederen Geldadel manifestiert sich in der Überheblichkeit der Gastwirte. Wer die Frage nach der Reservierung verneint, wird in der Regel angestarrt wie der letzte Sünder. Wenn man Glück hat, bekommt man in einem Anfall von Großmütigkeit einen unbequemen und zugigen Notplatz an der Tür zugewiesen. Dafür erwartet die zuweisende Bedienung aber fast schon einen Kniefall der Dankbarkeit. Bezahlen darf man natürlich den vollen Preis, plus reichlich Trinkgeld, versteht sich. Dafür ist der dreist ohne Reservierung auftauchende Gast dann doch gerade gut genug. Geld stinkt ja bekanntlich nicht.

Mit aufgeblasenen Backen, austretenden Augäpfeln und gequältem Gesichtsausdruck, verspricht man dem lästigen Bittsteller prustend, stöhnend, kopfschüttelnd und schulterzuckend, zu sehen, was man machen könne. Teilweise zeigt man sich derart unwillig gegenüber der potenziellen Kundschaft, dass man glauben könnte, dem Wirt sei nicht nur Geld, sondern auch sein guter Ruf völlig gleichgültig. Vielleicht ist das eine oder andere Lokal aber auch tatsächlich nur eine Geldwäscherei. Man schickt die Leute weg, weil man es sich leisten kann. Dabei wollte der Gast doch nur etwas essen und nicht die Reise nach Jerusalem verlieren.

Ja zum Reservierungswahn, aber nur, wenns gerade passt

Die durchreservierte Wirtshauskultur scheint sich gerade als neues Statussymbol festzusetzen. Wer einen Platz hat, der gehört dem erlauchten Kreis an, wer nicht reserviert hat, der kann sich wieder verpissen. Das geht so lange gut, bis es einer Wirtschaft, die keine Geldwäscherei ist, mal so richtig schlecht geht. Dann ist man plötzlich froh um jede Laufkundschaft, die unverhofft zur Tür hereinschneit. Sollte der Gastronom allerdings seine Krise überwinden, so hält bald wieder der gute alte Reservierungswahn Einzug und die einstigen spontanen Retter in der Not geraten schnell in Vergessenheit.

Noch schlimmer ist es bei den Volksfesten. Gemütlich bei einer Mass Bier zusammensitzen und plaudern? Nur, wenn man reserviert hat. Monate vorher und gegen horrende Gebühren. Aber die Zeltbetreiber gehören ohnehin meist zur örtlichen feudalen Amigo-Kaste. Sie nehmen für ihren Geschäftsbetrieb zwar Platz in Anspruch, welcher der Öffentlichkeit gehört, wollen diese jedoch um keinen Preis in ihren Sauftempeln haben. Zumindest nicht das Fußvolk. Wenn dann schon Unternehmer der gleichen Kaste, die Söhne von Großgrundbesitzern oder irgendwelche wohlgefälligen CSU-Höflinge. Auch Z-Promis, die mit ihrer Sonnenbrille debil sabbernd an abgestandener Plörre schlürfen und damit in den lokalen Klatschblättern ganze Seiten füllen, sind immer willkommen.

Spätestens wenn man sich dann noch zu Gemüte führt, was diese Aasgeier für eine Mass verlangen, sollte man sich lieber für die Variante mit dem Kasten Bier und dem eigenen Balkon entscheiden. Das gibts zum Preis von einer Festzelt-Mass und garantiert ganz ohne Reservierung.

Der Reservierungswahn im Speckgürtel

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