Die Schildbürger-Stadt Rosenheim

Rosenheim

Rosenheim, Einkaufs- und Erlebnisstadt, die Perle des Inntals. So zumindest möchte man sie den Menschen verkaufen. Wer hier jedoch aufgewachsen ist oder zumindest zeitweise gelebt hat, dem drängt sich schnell die Tatsache auf, dass einem so Einiges das Leben in dieser schönen Stadt versalzt. Vorausgesetzt natürlich, er ist nicht völlig blödgesoffen, blind oder lokalpatriotisch verblendet.

Daran kann auch der ziemlich genau vor einem Jahr erschienene Image-Film „Innstadtfieber“, der unter anderem im legasthenischen Provinzportal rosenheim24.de beworben wurde, wenig ändern. Das etwa fünfminütige Meisterwerk der Selbstherrlichkeit, welches im Auftrag der Veranstaltungs- und Kongress GmbH erschaffen wurde, offenbart sich schnell als ein planloser Zusammenschnitt von Drohnen- und Zeitraffer-Aufnahmen, gepaart mit der Schleichwerbung einiger lokaler Großunternehmen. Szenen, die anmuten wie die Geschichten aus dem Paulaner-Biergarten, gibts als Bonus oben drauf. Ganz nebenbei schmückt man sich gerne mit fremden Federn und zeigt laufend Dinge, die überhaupt nicht zur Stadt Rosenheim gehören, sondern im besten Falle Teil des Landkreises sind. Und dafür will man angeblich ein ganzes Jahr gebraucht haben. Über die Kosten für diesen digitalen Fetzen wurde selbstredend an keiner Stelle auch nur ein einziges Wort verloren.

Genug der bierseligen Unwahrheiten, denn nun wird es Zeit, endlich zum Gegenschlag auszuholen. Hier meine Top 5 der Missstände meiner (ehemaligen) Heimatstadt:

Unzureichender und überteuerter Wohnraum

Die Stadt Rosenheim hat ihre so glanzvoll beworbene Identität längst eingebüßt und sollte treffenderweise in Klein-München umbenannt werden. Die Tafelsilberverkäufer der Stadtverwaltung und ihre unsoziale Oberbürgermeisterin haben innerhalb des letzten Jahrzehnts ganze Arbeit geleistet. Anstatt den Wohnraum für einkommensschwache Familien zu fördern, hat man ganze Wohnviertel saniert und mittels finanziell Bessergestellter gentrifiziert. Während also eine Durchschnittsfamilie mit zwei Einkommen und zwei Kindern keine bezahlbare Wohnung mehr findet, bläht sich die zwischenzeitlich astronomische Immobilien- und Spekulanten-Blase immer weiter auf.

Auch die im Zuge der Landesgartenschau beworbene, neu erschaffene Immobilien-Siedlung am Innzipfel wurde einzig zu dem Zweck erbaut, um noch mehr Gut-Betuchten eine Zweitresidenz mit Panoramablick zu ermöglichen. Im schwarz-regierten Rosenheim hat man vor allem eine Klientel im Blick: Menschen, die dem Geldadel angehören. Sozial Schwache sind der Stadt ein Dorn im Auge und das CSU-typische Kastenwesen trieft dem Bürger an nahezu jeder Ecke entgegen.

Mangelhafte öffentliche Infrastruktur

Lasst uns in die Stadt fahren. Wie? Nehmen wir doch die S-Bahn. Ach nein, die gibt es ja nicht. Wie wärs mit der U-Bahn? Gibts auch nicht. Und der Bus? Geht eigentlich alle zwei Stunden, aber der letzte ist schon weg und der nächste fährt erst morgen wieder. Dafür dass man sich so gerne als moderne Metropole des Inntals inszeniert, hat man doch erschreckend wenig zu bieten. Sollte man doch einmal das rar gesäte Zeitfenster des Busfahrplans treffen, darf man sich an überteuerten Ticketpreisen erfreuen. Oder man trifft auf einen Kontrolleur, dessen soziale Kompetenz in etwa mit der Tierliebe eines Schlachters vergleichbar ist.

Wie auf einem 100-Einwohner-Dorf, ist hier alles auf den motorisierten Individualverkehr abgestimmt. Allerdings wie gewollt und nicht gekonnt. Denn zu den meisten Tageszeiten ist selbst die Oma mit dem Rollator schneller als ein Mensch mit dem Auto. Fahrradnutzung geht mit einem, im Vergleich zur Aufklärungsrate, exorbitant hohen Diebstahlrisiko einher. Vorausgesetzt, man findet einen brauchbaren Fahrradweg, der nicht plötzlich in eine viel befahrene Hauptstraße mündet. Immerhin hat man es nach Jahrzehnten zwischenzeitlich endlich geschafft, im Stadtkern mal ein paar brauchbare Fahrradständer aufzustellen.

Innerhalb der letzten zehn Jahre gab es einen Bevölkerungsboom, infolgedessen die Einwohnerzahl um mehr als fünf Prozent anwuchs, allerdings hat man es vollständig versäumt, dass die lokale Infrastruktur auch mitwachsen sollte. Das Stadtbild ist zwar geprägt von zahllosen Parkhäusern, allerdings befindet sich der geneigte Autofahrer beim Versuch, diese zu erreichen, bereits am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Wie hätte man diese selbst angekurbelte Entwicklung auch vorhersehen können?

Fehlplanung, Verkehrs- und Baustellenchaos

Die im Imagefilm erwähnte abstrakte Wortkonstruktion Verkehrsfernwehknotenpunkt triffts genau. Es ist, als hätte man in eine Verkehrsader einen Knoten geschnürt, worauf hin sich alles staut, bis es wehtut. Wer hier in der Rushhour steht, bekommt wahrlich einen Anfall von Fernweh, da er überall anders sein möchte, nur nicht hier. Mal schnell irgendwo hinfahren; ein Satz, den man sich als Autofahrer in Rosenheim schnell abgewöhnt. Schuld daran sind nicht nur die (Wahl-)Rosenheimer selbst, die jeden noch so unnötigen Schritt mit dem SUV zurücklegen, sondern vor allem die fehlerbehaftete und unausgegorene Planung der teils völlig unnützen Baustellen.

An allen möglichen Stellen wird gleichzeitig die Straße aufgerissen, bevorzugt an Hauptverkehrsadern und analog dazu noch auf den knapp gesäten Ausweichrouten. In der Folge produziert man weiteres Verkehrschaos durch Baustellen, die dann aufgrund von Personalmangel, Witterung oder mangels Geld monatelang verwaisen. Oftmals werden diese dann, nach Abschluss des Projekts, durch weitere Misswirtschaft oder Baupfusch im Nachgang abermals eröffnet.

Nur wenns ums Geld der CSU-Amigos geht, die beim jährlichen Herbstfest ihren Reibach machen wollen, lässt sich eine Jahresbaustelle plötzlich innerhalb weniger Tage fertigstellen. Wenn es allerdings um öffentliche Gelder geht, gibt man sich gerne großzügig. So war man beim Ausbau des Bahnhofsareals wohl unfähig, die Bomben-Abwurfpläne ordentlich zu studieren, sodass bei den Bauarbeiten permanent das Räumkommando anrücken musste. Das hatte nicht nur laufend Unannehmlichkeiten für die Anwohner zur Folge, sondern generierte weiteres unnötiges Verkehrschaos und Kosten. Vielleicht sollte man beim nächsten Mal die Leberkassemmel und die Halbe Bier vom Plan aufheben und mal darunter nachsehen.

Chronische Unterbelichtung, Alkoholprobleme, Inzucht oder schlichte Unfähigkeit; über die wahren Ursachen der völlig inkompetenten Verkehrs- und Bauplanung kann man nur mutmaßen. Verkehrsfluss ist hier ein Fremdwort. Wo man andernorts auf Kreisel setzt, baut man in Rosenheim in anachronistischer Manier lieber weiterhin Ampeln. Gefühlt alle 50 Meter trifft man auf eine und eines ist garantiert: An jeder steht man. Die Grüne Welle verkommt hier zur rein theoretischen Floskel. Die Verkehrsführung ist derart dilettantisch und ineffizient, dass man es kaum in Worte fassen kann. Wer in Rosenheim an einer Ampel links abbiegen will, dem sei empfohlen, dies in jungen Jahren zu tun, da andernfalls bei diesem Versuch seine Lebensuhr ablaufen könnte.

Beinahe selbsterklärend sehen die Verantwortlichen den Schwarzen Peter in keinster Weise bei sich: Schuld sind die anderen.

Arroganz und Blockwart-Mentalität der Behörden

Die von oben herab tropfende Arroganz manifestiert sich innerhalb der städtischen Behörden ganz unten: Bei den Hofschranzen, die teilweise an ausgeprägten Formen der Megalomanie zu leiden scheinen. Der Bürger ist hier nur ein lästiger Bittsteller und das bekommt er auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu spüren. Hat man die Möglichkeit, dem braven Steuerzahler eins auszuwischen, dann tut man dies doch gerne und gründlich. Andere Menschen auf klein karierte Weise zu schikanieren und mit der Peitsche durch die verstaubten Mühlen der Bürokratie zu treiben, ist wohl einer der Höhepunkte im Berufsleben eines solchen Amtsträgers.

Wenn man einen erwachsenen Menschen dann auch noch wie ein kleines Kind maßregeln kann oder ihm ein Strafgeld aufbrummt, weil sein Personalausweis seit zwei Tagen abgelaufen ist, dann ist die Ekstase der kranken Befriedigung in greifbare Nähe gerückt. Ebenfalls beliebt ist das gezielte Ausspähen und Anschwärzen unliebsamer Bürger. Wer nicht dem erlauchten Dunstkreis des CSU-Konglomerats angehört, findet sich schneller im Fadenkreuz des Denunziantentums wieder, als es ihm lieb sein kann. Auf eines kann sich der Bürger in Rosenheim jedenfalls verlassen: stets von oben herab behandelt zu werden.

Rosenheim, der kleine Polizeistaat

Als Rosenheimer kann man eigentlich ganz gut mit der Polizei auskommen, vorausgesetzt, man kommt ihnen nicht blöd und ist nicht zur falschen Zeit am falschen Ort. Obwohl es viele nette und hilfsbereite Beamte bei der PI Rosenheim gibt, geriet sie die letzten Jahre in den Verruf, eine Prügelpolizei zu sein. In der Tat scheinen dort einige Individuen ihren Dienst zu verrichten, die ganz gerne mal drauf schwarten. Ob es nun der Jugendliche ist, der im Suff mit dem Gesicht mehrfach gegen die Wand fällt oder Bürger, die von ihrem demokratischen Versammlungsrecht Gebrauch machen und infolgedessen aufgrund einer geringfügigen Abweichung der Demoroute einen Abhang hinunter geprügelt werden, die Liste der Verfehlungen wächst stetig.

Als anschließende Gegenwehr werden dann meist Fakten erfunden sowie den Gegnern Beleidigungen und Handgreiflichkeiten angedichtet, die niemals stattfanden. Wer einfach nur zur Theaterprobe geht, dem kann es passieren, dass er als Linksradikaler diffamiert wird und anschließend mit Meldeauflagen zu kämpfen hat, die im Nachgang per Gerichtsbeschluss wieder aufgehoben werden müssen. Mit den bürgerlichen Grundrechten nimmt mans eben nicht so genau. Es scheint gar, als würden einige eifrige Ordnungshüter manchmal über das Ziel hinaus schießen und ihre ganz eigenen Gesetze leben.

Bonuspunkt: Die mangelhafte Berichterstattung der lokalen Medien

Wie oben bereits erwähnt, verfügt Rosenheim über einige lokale Nachrichtenportale und Klatschblätter. Neutralität, Orthografie und die Grundlagen der Grammatik sind dort allerdings im Reich der unbekannten Wissenschaften verortet. Planlose Praktikanten schwimmen zusammen mit verschwitzten Pullunderträgern im Illettrismus und drucken genau das, was sie für richtig halten. Wer zahlt, schafft an und so werden außerhalb der Wahlzeit überwiegend Verlautbarungen von politischen Parteien veröffentlicht, die ins schwarz-braun-versiffte Konzept passen. Hätte Konrad Duden einmal in seinem Leben einen Artikel auf rosenheim24.de gelesen, dann hätte er sich anschließend vermutlich sofort erhängt oder eine Kugel in den Kopf gejagt.

Aber was wäre ein anständiges Nachrichtenportal ohne seine Lieblingsthemen: So wird mit viel Engagement und Leidenschaft über jeden Furz eines örtlichen Z-Promis berichtet, das Privatleben von Helene Fischer ist Dauergast und auch die Ergüsse profilneurotischer rechtsradikaler Brillenträger finden reißenden Absatz. Tittenbilder und eine verrohte völkische Stammtischkultur im Diskussionsforum tun ihr Übriges. Allerdings wollen wir die Qualitätsjournalisten von rosenheim24.de an dieser Stelle nicht nur schlecht machen. Jeder hat seine Stärken und was man im Deutschunterricht verschlafen hat, macht man in puncto Grafikbearbeitung wieder wett: Beispielsweise werden die zerfallenen Visagen ranghoher lokaler PolitikerInnen mit nahezu chirurgischer Präzision per Photoshop rekonstruiert.

Fazit:

Natürlich ließe sich die Liste noch endlos weiterführen. Je mehr Rosenheim versucht, sich zwanghaft als moderne Stadt präsentieren zu wollen, desto klarer wird, dass sie nur ein überfülltes Provinznest ist und auch bleiben wird. Zumindest mit der amtierenden Herrscherkaste. Immerhin hat man es aber geschafft, sich des geflissentlich verschwiegenen Titels der Hauptstadt der Drogentoten zu entledigen. Wer sich die abgehandelten Punkte zu Gemüte führt, der bekommt garantiert Innstadtfieber; inklusive Erbrechen und Schüttelfrost.

Die Schildbürger-Stadt Rosenheim

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